Top
road-nature-lines-country

Buzzword der Stunde – Part 2: Von Liane zu Liane, von Transformation zur Transition

Lesedauer = ca. 5 Minuten

In Part 1 dieser Serie habe ich mich eingehender mit Transformation beschäftigt und einige Beispiele zum Verständnis des Begriffs aufgezeigt. Übergeordnetes Ziel dieser dreiteiligen Serie ist eine begriffliche Klärung von digitaler Transformation, die sich nicht nur aus der üblichen Terminologie nährt, sondern neue Wege beschreitet. Dafür denke ich nun im zweiten Teil über interessante Synonymbegriffe sowie ihre jeweilige Verwendung nach: Inwiefern kann uns beispielsweise der Begriff Transition bei einem ganzheitlichen Verständnis von digitaler Transformation weiterhelfen?

 

 

Kurze Rückschau:
In Teil 1 habe ich Transformation als ganzheitliches Umformungsgeschehen (mit manchmal auch offenem Ausgang) besprochen. Es laufen zeitgleich mehrere, wechselseitig voneinander abhängige Prozesse ab. Diese schließen oftmals unterschiedliche Subsysteme genauso wie deren Beziehungen mit ihrer Umwelt mit ein (z.B. unterschiedliche Einheiten wie Teams oder unterschiedliche Sprachsysteme wie Fachbegriffe und weitere sprachliche Codes – um nur einige zu nennen). Das, was den Begriff Transformation mitunter so schwer erfassbar macht, ist, dass sich Geschwindigkeit, Tiefe, Umfang, Agenda und manchmal sogar auch Richtung erst im Prozess selbst ergeben. Es lässt sich erahnen: Transformation wirklich zu fassen zu kriegen, wird nicht einfach!

 

Daher lassen Sie uns das Feld weit (er)öffnen und in „neuen“ Kategorien denken.

 

 


 

Sich (wie Tarzan) von Begriff zu Begriff hangeln: von Transformation zur Transition

 

Fix einen Open Thesaurus befragt, erhält man weitere Synonyme und Assoziationen, die uns im Buzzword-Dschungel vorankommen lassen. Die Suche nach Transformation fördert folgende Ergebnisse zutage: (Um-)Wandlung, Veränderung, Wechsel, Übergang, Umformung, Wandel, Transfer …

 

Results Open Thesaurus Transformation

Screenshot Ergebnisse zu Thesaurus-Suche „transformation“, [Abrufdatum 2016-06-27]

 

In der Fülle der Synonyme möchte ich ein bestimmtes Begriffspaar herausgreifen, nämlich Übergang bzw. Transition, die zumindest in der deutschen Sprache fast identisch sind. Während wahrscheinlich jeder zum Verständnis des Ersteren nur wissend nickt, scheint der zweite Begriff doch weniger selbsterklärend und geläufig. In Psychologie und (Entwicklungs-)Pädagogik verortet, wird Transition hauptsächlich im biographischen und individuellen Kontext verwendet. Dort wird sie ebenfalls als Konzept des Übergangs bzw. Wandels verstanden; nimmt aber andere Geschehnisse in den Blick als der ähnlich anmutende Begriff der Transformation1.

 

Den Grund, warum ich dennoch diesen Begriff einführen möchte, lehrte uns bereits die Systemtheorie mit dem Zusammenhang „Differenz System/Umwelt“ 2 – oder vereinfacht gesagt: Je mehr ich darüber erfahre, was der Begriff nicht bezeichnet und dafür auch unterschiedliche Disziplinen befrage, umso genauer schule ich mein Verständnis, wann welcher Begriff tatsächlich angebracht ist und was er dann genau bezeichnet.

 

 

 

Kurz vorab: Meine These ist, dass wir häufig von Transformation sprechen, allerdings Transition meinen.

 

 

 

 

Transitionsprozesse: Von Mutproben, Auseinandersetzungen und Widerständen

 

Als Transitionen werden also eben jene Geschehen thematisiert, die sich zwischen zwei bestimmten „Entwicklungsstufen“ abspielen. Der Bezug ist greifbarer, konkreter und hat, zumindest wenn man vom Ergebnis her denkt, einen vorherbestimmten Charakter – sprich: Das Ziel der Entwicklung ist im Vorfeld weitestgehend bekannt. Ein anschauliches Beispiel für derartige biografische Übergangsgeschehen ist die Pubertät, Eintritt in den Kindergarten/die Schule oder Schwangerschaft. Um beim ersten Beispiel zu bleiben: In dieser verhältnismäßig kurzen Phase der Entwicklung von der Kindheit zum Erwachsenenalter, verdichten sich gleichermaßen Chancen und Belastungen. Elementare Schritte, die sich vornehmlich im Innenleben abspielen: Altes (Kindheit) ist nicht mehr „(er)lebbar“, Neues (Erwachsensein) muss erst erarbeitet werden. Zwei ganz wichtige Mechanismen dabei sind Lernen und Entwicklung, wenn es um die Konfrontation mit dem Unbekannten und/oder Bewältigung der Übergangssituation geht.

 

Change-Projekte sind ein beispielhafter Rahmen, in dem eben solche Aushandlungsprozesse im Unternehmenskontext stattfinden. In diesem Zusammenhang hält sich nämlich hartnäckig die Überzeugung, dass Veränderungen oftmals mit (Lern-)Barrieren und Widerständen einhergehen. Der Unternehmer und Organisationsentwickler Nils Pfläging (@NielsPflaeging), entlarvt diese Denkweise als Trugschluss und postuliert: Widerstand gegen Veränderung gibt es nicht. „Vermeintliche“ Widerstände und Abwehrhaltung sind vielmehr Ausdruck von und Symptome für Auseinandersetzung mit dem Neuen, dem Anderen, dem Fremden. Genau diese Aushandlungen, Symptome des Ringens mit Anpassung an das Neue sind quasi das, was Transitionsprozesse im Kern ausmachen.

 

Transitionen sind demnach teils bewusst herbeigeführte, teils unweigerlich von selbst ablaufende Prozesse mit kürzerem Zeithorizont. Der Fokus liegt darauf, eine „alte“ Struktur mit einer „neuen“ Herangehensweise auszutauschen/zu ergänzen/zu erweitern, die in Folge nicht nur das Selbstverständnis, sondern auch Beziehungen und Lebens(um)welt beeinflusst und verändert. Ein ganz konkretes Beispiel aus dem Business-Alltag: Analoger Briefwechsel wird durch digitale Kommunikation ersetzt; der Übergang hier kann gestaltet und mittels Einsatz von Tools und Methoden implementiert werden. Anfang und Ende sind klar, es ändern sich aber Parameter wie z.B. Arbeitsabläufe, Zeitaufwände und Verantwortlichkeiten, die für die interne Organisation von Bedeutung sind.

 

 

Quasi Äpfel und Birnen zusammenführen? IT-Outsourcing – ein weiteres Feld als (mögliche) Antwort!

 

Um nun die beiden für mich wichtigsten Begriffe der Artikelserie wieder zusammenzuführen, lassen wir zum Abschluss neben Pädagogik und Organisationssoziologie eine weitere, der Digitalisierung näher stehende Disziplin, nämlich die Informationstechnologie, zu Worte kommen:

 

Im IT-Outsourcing werden die Begriffe Transformation und Transition sogar nebeneinander verwendet und der Unterschied der beiden ist schnell offensichtlich:

 

Wenn in einem Outsourcing-Projekt die IT-Leistungserbringung auf einen neuen Dienstleister übertragen wird, kann man zwei unterschiedlichen Phasen, nämlich „horizontale“ Transition und „vertikale“ Transformation lokalisieren. Transition als horizontaler Prozess bezeichnet den Übergang des IT-Bereichs vom bisherigen Provider zu einem neuen Dienstleister. Die Zuständigkeit bzw. der Current Mode of Operation (CMO) ändert sich. Das Ziel der vertikalen Zustandsveränderung hingegen, liegt im Future Mode of Operation (FMO), der eine Entwicklung unterschiedlicher Bereiche involviert. Dabei wird beispielsweise eine Verbesserung und Aufwertung der technischen und wirtschaftlichen Komponenten angesteuert sowie ein neuer Betriebsmodus anvisiert.

 

Hier eine Erläuterung der beiden Phasen sowie deren Risiken in IT-Outsourcing-Prozessen:

 

 

 


 

 

 

Zwischenfazit: Transition versus Transformation 

 

Nachdem ich mich nun großzügig im Bauchladen der Disziplinen bedient habe, wird es Zeit für ein Zwischenergebnis: Die nachfolgende Übersicht stellt die Kernelemente der beiden Begriffe Transition und Transformation einander gegenüber.

 

 

Vergleich Transition und Transformation – eigene Darstellung

Vergleich Transition und Transformation – eigene Darstellung

 

 

Wir sehen also: Wenn Ihnen mal wieder ein Projekt als digitale Transformation verkauft wird, in dem ein Unternehmen eine neue App entwickelt hat, in welcher Kunden nun auch shoppen können, dann ist der Begriff hier im Grunde deplaziert. Stattdessen handelt es sich um einen transitiven Prozesses, der mit der Integration ins Geschäftsmodell und daraus resultierenden Anpassungen weitestgehend abgeschlossen ist.

 

Wie uns der neu eingeführte Begriff der Transition sowie dessen Gegenüberstellung zur Transformation aus dem Dschungel der Buzzwords herausführen können und wie eigentlich der Zusammenhang mit Digitalisierung aussieht, erfahren Sie im 3. Teil. Sobald dieser letzte Teil der Artikelreihe erschienen ist, finden Sie ihn hier.

 

 

Die Autorin

Nicole Forrai

Portrait Nicole Forrai

Nicole ist seit 2016 als Berater bei Eck Consulting. Ihre Themenschwerpunkte umfassen Digital Business Transformation, Digital Organization und Digital Leadership. Dafür bringt sie umfangreiche Erfahrungen aus der Medienbranche sowie der Markt- und Konsumentenforschung mit. Außerdem stand sie als Freiberuflerin Kunden aus den Bereichen Retail und Technologie zu den Themen Online-Marketing und Social Media-Strategien beratend und konzeptionell zur Seite.

 

Mail          Xing          LinkedIn          Autorenprofil

3 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

})(jQuery)